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Ob die Schwangerschaft sehnsüchtig erwartet wurde oder sich das kleine Wesen unverhofft in den Bauch der Mutter einschmuggelte, bei jeder Frau löst die Nachricht: Sie sind schwanger, ein Wechselbad der Gefühle aus. Zu diesem Zeitpunkt ist im Uterus bereits Entscheidendes passiert. Wie sich der Beginn im Leben eines kleinen Menschenkindes entwickeln kann und darf, ist mit der ersten Schule des Lebens vergleichbar. Die Forschung hat inzwischen herausgefunden, was und wie Ungeborene im Mutterleib lernen. Sie können hören, schmecken, spüren und fühlen.
Das unglaubliche Rätsel der Menschwerdung Im zarten Alter von zwei Wochen nach der Befruchtung ist das künftige Menschenkind eine Keimscheibe mit drei Zellschichten, die sich rasch verändert. Aus einer Einbuchtung entwickelt sich das Neuralrohr, das spätere Rückenmark und am 19. Tag entwickelt sich aus der Neuralplatte bereits das erste Nervengewebe. Warum sich das Zusammenwirken der Zellen nach diesem Muster einspielt, ist bis heute noch nicht völlig geklärt. Zu dieser Zeit bemerkt die Schwangere, dass ihre Regel ausbleibt und erfährt durch einen Schwangerschaftstest von der Existenz eines Embryos. Jetzt ist es wichtig, die Frauenärztin / den Frauenarzt zu konsultieren, um die Bestätigung der Schwangerschaft zu erhalten. Die Entwicklung des Herzens beginnt bei einer Größe des Embryos von vier Millimetern und etwa nach dem 21. Tag nach der Empfängnis schlägt es 65 Mal in der Minute. Ab dem 25. Tag werden die Sinnesorgane angelegt und am Ende der vierten Woche ist der Embryo mit allen Voraussetzungen ausgestattet, die für die Entwicklung der Organe entscheidend sind. Am 26. Tag zeigt sich am Kopfende des Neuralrohrs eine Verdickung. Daraus entsteht das Gehirn. Bereits in der fünften Woche spürt der Embryo, wenn Berührungen an Lippe und Nase stattfinden. Die moderne Ultraschalltechnik in der Praxis des Frauenarztes ist in der Lage, erste Zuckungen des Embryos zu zeigen, ehe die Schwangere etwas davon verspürt.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne Hermann Hesse könnte mit diesem bekannten Satz die Gemütslage von Frauen beschrieben haben, die beim Ultraschall in der gynäkologischen Praxis das Herz ihres Kindes als winziges pulsierendes Pünktchen zum ersten Mal sehen. Der Anblick löst bei mancher Frau, die zweifelt und sich eigentlich mit dem Gedanken trägt, die Schwangerschaft zu unterbrechen, einen Sinneswandel aus. Es entsteht das Empfinden der Ehrfurcht vor einem pulsierenden Leben, das ein Recht auf Schutz, Zuwendung und Geborgenheit verdient. Dazu kann die Schwangere mit einer Lebensstilkorrektur ganz Wesentliches beitragen, indem sie die gesunde Entwicklung unterstützt und dem Risiko einer Fehlgeburt in den ersten kritischen Wochen vorbeugt. Die Ursachen sind vielfältig. Sie reichen vom Rauchen der Mutter und bedrückende Stressbelastungen über Fehlernährung und Alkoholkonsum bis hin zu genitalen Infektionen. Es ist wichtig, die frauenärztlichen Ratschläge konsequent umzusetzen und die Vorsorgetermine einzuhalten. Ebenso wichtig wie die regelmäßige Bewegung an frischer Luft ist das intensive Bemühen, Stress abzubauen, den der Embryo bereits spürt und sein winziges Herz schneller schlagen lässt. Nach der zwölften Woche verlässt das Ungeborene die embryonale Phase, wird zum Fötus und ist in der 12. Woche sieben bis acht Zentimeter lang (Rücken-Steißlage) und wiegt 18-25 Gramm. Es lernt, sich zu bewegen und erkundet seine Umgebung. Jetzt beginnt die Zeit der Reifung im Sinne der Vernetzung zwischen Nervensystem, Sinnesorganen und Körperbewegungen. Schon ab der 15. Woche antwortet der Fötus auf Reize von außen, auch wenn die Schwangere diese Reaktionen noch nicht wahrnehmen kann. Die Gehörknöchelchen erreichen ihre volle Funktionsfähigkeit, bevor sich das Felsenbein um das innere Ohr schließt. Darum kann das Baby die Stimme der Mutter ab der 18. Woche hören, es spielt mit der Nabelschnur, trinkt vom Fruchtwasser, dreht sich nach Belieben und startet Nuckelversuche an den winzigen Fingerchen.
Die Neurogenese = Entwicklung des Gehirns Die Mehrzahl der Gehirnzellen, die ein Mensch braucht, entwickelt sich in der ersten Hälfte der Schwangerschaft. In der 19. Woche nach der Befruchtung sind bereits alle wichtigen Hirnstrukturen anatomisch erkennbar angelegt. Doch diese Masse macht noch keine Klasse! Jetzt beginnt die Hauptarbeit, die Synapsenbildung: Gehirnzellen nehmen mit einander Kontakt auf, sie vernetzen und verschalten sich unter einander. Dabei ist die Rate des Entstehens von Kontakten unglaublich. In Spitzenzeiten explodiert das Gehirn geradezu. Es grenzt an ein Wunder, dass pro Sekunde 1,8 Millionen Synapsen entstehen. Forschungsergebnisse besagen, dass ein Großteil dieser Synapsen verkümmert und abstirbt. In der frühen Kindheit und Jugend büßt das Gehirn etwa 20 Milliarden pro Tag ein. Dies gilt als ein ganz normaler, wenn auch bedauerlicher Ausleseprozess.
Wenn die kleinen Füßchen strampeln und spürbar treten In der 19.-20. Woche zeigt ein leises Pochen auf der Bauchdecke, das unvergessliche Erleben deutlicher Kindsbewegungen. Von nun an verfestigt sich eine der engsten und innigsten Beziehungen der Welt. Auch der Partner kann nun seinen Nachwuchs ertasten und ist nicht selten stolz auf die kräftigen Tritte des zukünftigen Fußballstars. Das Ungeborene reagiert deutlich auf die Stimmungslage der Mutter. Harmonie und Fröhlichkeit, angenehme Geräusche und das Vermeiden von Geschrei und harter Worte wirken sich wie eine Seelenmassage auf das Baby aus. Es lauscht aufmerksam und erkennt nach der Geburt die Stimme der Mutter. Föten schätzen Mozart und Vivaldi und strampeln unruhig bei Hardrock. Sie mögen es, wenn mit ruhiger Stimme vorgelesen wird. Die Frage, ob das Lernen schon im Mutterleib beginnt, ist hiermit beantwortet. „Die Hirnforschung hat eindeutig gezeigt, dass Kinder bereits lange vor der Geburt lernen“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther / Göttingen. „Sie sammeln bereits Erfahrungen über die Beschaffenheit ihrer Lebenswelt und verankern diese in ihrem Gehirn“. Das Kind spürt die Zuwendung schon im Mutterleib und das bedeutet, die werdenden Eltern sollten schon früh Kontakt mit Stimme und Berührung zu dem kleinen Lebewesen aufnehmen. Übrigens: In einer Studie mit 400.000 Schülern haben Forscher aus Glasgow herausgefunden: Eine verfrühte Geburt erhöht das Risiko einer Lernstörung deutlich
Die Frauenärztinnen und Frauenärzte des Berufsverbandes der Frauenärzte unterstützen und begleiten die Schwangeren in der frühen Zuwendung, die dem Ungeborenen eine harmonische Entwicklung ermöglicht.
Maria-E. Lange-Ernst
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