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13.08.2002 - Hormonersatz-Therapie nach Abbruch der WHI-Studie in den USA

Der kurzfristige Einsatz von Hormonen ist wissenschaftlich abgesichert
Fast fünf Millionen Frauen in Deutschland nehmen derzeit Hormone gegen die Beschwerden der Wechseljahre und – wie man bisher annahm – auch mit dem Ziel ein, typischen Alterserkrankungen vorzubeugen. Trotz der verständlichen Bedenken, die mit dem Abbruch des Studienarms verbunden sind, bleibt unverändert gesichert, dass eine individuelle Hormonersatz-Therapie bei kurzfristiger Anwendung als ein wirkungsvolles Mittel gegen Hitzewallungen, Schlaflosigkeit und Depressionen anzusehen ist. Dies gilt selbstverständlich bei regelmäßiger Kontrolle und individuell angepasster Medikation durch den behandelnden Gynäkologen. Deshalb spricht auch beim derzeitigen Stand der Dinge nichts dafür, die Hormonersatz-Therapie kurzerhand zu verteufeln und ängstlich abzubrechen.

Warum wurde ein WHI-Studienarm abgebrochen?
Im Rahmen der breit angelegten Untersuchung hatten 16.608 Frauen nach den Wechseljahren entweder eine in den USA bevorzugte Kombination von Östrogen mit Gestagen oder lediglich Östrogen erhalten. Die Studie sollte bis 2005 laufen, wurde aber nach einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 5,2 Jahren vorzeitig abgebrochen. Dies geschah, weil Brustkrebsfälle über einen zuvor festgelegten Grenzwert angestiegen waren. Abgebrochen wurde nur der Studienarm, dessen Teilnehmerinnen die Östrogen-Gestagen-Kombination erhielten. Ein wesentliches Ziel der Studie war, die vorbeugende Wirkung des Kombinationspräparates auf Herz- und Gefäßerkrankungen zu untersuchen. Tatsächlich war das Ergebnis ernüchternd: Die wichtigsten Ergebnisse (absolutes Zusatzrisiko pro 10.000 Behandlungsjahre):

  • Plus 7 kardiovaskuläre Ereignisse 
  • Plus 8 Schlaganfälle 
  • Plus 8 Lungenembolien 
  • Plus 8 invasive Mammakarzinome 
  • Minus 6 Kolonkarzinome 
  • Minus 5 Hüftfrakturen 
  • Kein Unterschied in der Gesamtmortalität

Was bedeuten die Ergebnisse der WHI-Studie für deutsche Frauen?
Die Studienteilnehmerinnen waren zu Beginn der Untersuchung durchschnittlich 63 Jahre alt und viele hatten vermutlich bereits Gefäßerkrankungen. Außerdem ist heute bekannt, dass die vermeintlich positiven Effekte der Östrogene auf das Gefäßsystem durch Gestagen abgeschwächt werden. Dieser Umstand könnte die Zunahme der kardiovaskulären Ereignisse sowie den Anstieg der Schlaganfälle erklären. Vermutlich bringt eine Hormonersatz-Therapie in der Prävention lediglich dann positive Ergebnisse, wenn zum Zeitpunkt der ersten Anwendung die Frauen deutlich jünger sind; dies trifft auf Deutschland zu. Das in den USA weit verbreitete Kombinationspräparat bietet hierzulande kaum Vergleichsmöglichkeiten. In Deutsch-land sind andere Varianten und Verordnungen üblich. Für dieses Präparate-Spektrum sind entsprechende Studien unerlässlich, denn es kann künftig nur darum gehen, individuelle Risiken bei der Vorbeugung zu berücksichtigen. Hier sind die wissenschaftlichen Grundlagen leider bisher nur unvollständig.

Erste deutsche Fall-Kontroll-Studie geplant
2.000 Patientinnen mit Brustkrebs und 4.000 gesunde Frauen werden in den nächsten Monaten in Hamburg und Heidelberg befragt, ob eine Hormonersatz-Therapie das Brustkrebsrisiko nach den Wechseljahren erhöhen könnte. Das Alter der Frauen liegt zwischen 50 und 74 Jahren. Projektleiter ist Prof. Dr. Wilhelm Braendle, Direktor der Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Klinik für Frauenheilkunde am Universitätsklinikum Hamburg. Seine Stellvertreterin ist Dr. Jenny Chang Claude von der Abteilung klinische Epidemiologie des Deutschen Krebsforschungszentrums/Heidelberg. Die zunächst auf 2,5 Jahre angelegte Untersuchung wird als erste deutsche Fall-Kontroll-Studie zu diesem Thema von der Deutschen Krebshilfe mit 1,5 Millionen Euro finanziert. Es ist geplant, die Studie weiterzuführen und innerhalb von insgesamt 4 Jahren 10.500 Frauen (davon 3.500 Brustkrebspatientinnen und 7.000 gesunde Teilnehmerinnen) zu befragen. Frühere Studien, die sich jedoch nur bedingt auf hiesige Verhältnisse übertragen lassen, zeigten auf, dass ein eventueller Zusammenhang zwischen der Hormonersatz-Therapie und der Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, bestehen könnte. Diesem noch nicht wissenschaftlich untermauerten Zusammenhang soll die neue Studie erstmals für Deutschland auf den Grund gehen.
Darüber hinaus werden die Studienteilnehmerinnen unter anderem nach ihren Schwangerschaften und ihrer Ernährung, ihren körperlichen Aktivitäten und dem Nikotin- und Alkoholgebrauch sowie dem Beginn ihrer Wechseljahre befragt. Ebenso wichtig sind neue Erkenntnisse über den Einsatz von Hormonen, die Art der Medikamente und die Dauer der Anwendung. Die Teilnehmerinnen der Hamburger Studie werden entweder über das dortige Krebsregister ermittelt oder direkt von ihrem behandelnden Arzt angesprochen. In Heidelberg werden sie über die kooperierenden Kliniken eingebunden.
Das Ziel ist, erstmals für Deutschland verlässliche Erkenntnisse über Nutzen und Risiken einer Hormonersatz-Therapie zu gewinnen.

Fundierte Erkenntnisse statt Panikmache oder Verharmlosung
Da die WHI-Studie vorzeitig abgebrochen wurde, bleibt weiter unklar, wie sich eine längerfristige Hormontherapie überhaupt auswirken könnte. Es wäre sogar denkbar, dass gewisse Vorteile unerkannt geblieben sind. Der unverändert weiterlaufende WHI-Studienarm mit 10.000 hystorektomierten Frauen, die nach Entfernung der Gebärmutter lediglich Östrogene erhielten, wird weitere Erkenntnisse liefern.

Der Berufsverband der Frauenärzte rät, bei aufkommenden Ängsten und Verunsicherung ein Gespräch mit dem behandelnden Frauenarzt zu suchen. Es kann niemand ernsthaft davon ausgehen, dass ein verantwortungsvoller Arzt seinen Patientinnen Medikamente verordnet, die Schaden zufügen oder Risiken verstärken. Jede weitere Erkenntnis über Nutzen und Risiken trägt dazu bei, die Frauen hierzulande bestmöglich zu versorgen.

Maria-E. Lange-Ernst