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11.05.2001 - Sex während und nach der Schwangerschaft

Die Gewissheit, ein Kind zu erwarten, stürzt künftige Eltern in ein Wechselbad der Gefühle. Im Spannungsfeld zwischen Euphorie und Verunsicherung, Zuversicht und Zweifeln fragen sich viele Paare: Schadet es dem Ungeborenen, wenn wir miteinander schlafen? Aus gynäkologischer Sicht ist gegen Sex in der Schwangerschaft nichts einzuwenden. Viele Paare empfinden ihr Liebesleben in den Monaten vor der Geburt des Kindes sogar als Bereicherung und Intensivierung ihrer emotionalen Bindung.
Dennoch gibt es keine allgemein gültigen Aussagen. Das Miteinander von Mann und Frau ist individuell verschieden, insbesondere vor und nach der Geburt eines Kindes.

Unterschiedliche Empfindungen
Werdende Mütter sind nicht selten von ihrer gesteigerten Lust am Sex überrascht. Wie kommt es dazu? Die Hormone wirken stimulierend, Klitoris und Vagina werden stärker durchblutet und sind empfänglicher für sexuelle Reize und sensible Berührungen. Deshalb erreichen Schwangere leichter und schneller einen Orgasmus. Die Sorge, dass Muskelkontraktionen in der Gebärmutter eine Fehl- oder Frühgeburt auslösen könnten, ist unbegründet. Der gesteigerten Lust kann aber auch eine Durststrecke vorausgehen: Die Übelkeit in den ersten drei Monaten ist ein verständlicher Sexkiller. Die verstärkte Müdigkeit der ersten Schwangerschaftswochen mindert ebenfalls die Lust auf körperliche Liebe. Manche Frauen irritiert auch der Gedanke, dass da etwas im Bauch entsteht und beim Sex dabei ist.

Gespräche – das A und O
Die Erwartung vieler Frauen, der Partner müsste ihre Gefühle erahnen und wortlos auf diese eingehen, führt selten zum Ziel. Denn über Befindlichkeiten, Sorgen und Ängste muss man reden, um verstanden zu werden. Sonst fühlt sich der werdende Vater übergangen oder zur Seite geschoben. Bewusst oder unbewusst sieht er dann in dem Kind eine wachsende Konkurrenz, die ihm einen Teil der Zärtlichkeit und Zuwendung stiehlt, die ihm bis dahin sicher war. Drohende Missverständnisse lassen sich nur durch offene Gespräche abwenden. Denn gegenseitiges Verständnis ist die Grundlage einer erfüllten Sexualität, nicht nur in der Schwangerschaft und danach, sondern in jeder Phase des gemeinsamen Lebens.

Wenn der Bauch im Wege ist
Bis zum letzten Drittel der Schwangerschaft können die meisten Paare ihre persönlichen Vorlieben beibehalten. Wächst der Bauch, kann der Druck von oben (Missionarsstellung) unangenehm werden. Manche Frauen bevorzugen deshalb die Position oben oder liegen gegen den Bauch des Mannes geschmiegt (Löffelstellung). Das Ungeborene spürt dabei nichts, denn es liegt im Fruchtwasser sicher geborgen. Manchmal gibt es jedoch medizinische Voraussetzungen, die zeitweilig oder während der gesamten Schwangerschaft gegen den Geschlechtsverkehr sprechen:

  • Bei vorzeitiger Öffnung des Muttermundes (Keime können Infektionen verursachen und eine Fehl- oder Frühgeburt auslösen)
  • Nach Fehlgeburten (meistens sind nur die ersten Wochen riskant)
  • Wenn Blutungen auftreten 
  • Bei vorzeitigen Wehen 
  • Wenn die Plazenta über dem Muttermund liegt (Sex kann zu Blutungen führen)

Ist Zurückhaltung geboten, kann Erotik ein Ersatz sein. Sie kommt bekanntlich ohne Sex aus. Zärtlichkeit und sensible Berührungen verhelfen dem Paar zu lustvollen Erlebnissen auch ohne Sex.

Das Kind ist da und die Lust dahin...
In den ersten Wochen nach der Geburt sind unruhige Nächte angesagt. Den jungen Eltern fehlt schlicht die Zeit füreinander. Die Wöchnerin muss sich erholen und der frisch gebackene Vater hat miterlebt, wie bei der Entbindung die zarten Organe der Frau strapaziert wurden. Umfragen zeigen jedoch, dass den meisten Männern das Erlebnis der Geburt keineswegs die Freude am Sex austreibt. Aber die Neuentdeckung der Lust aufeinander braucht Zeit. Je mehr sich das Leben mit dem Kind einpendelt, umso gelassener entwickelt sich nach und nach auch das Liebesleben.

Sexhemmnisse: Dammschnitt, Wochenfluss und Stillen
Sobald sich in den ersten vier bis sechs Wochen das Stillgeschäft eingespielt hat, ist die junge Mutter wieder für Zärtlichkeiten empfänglich. Sexuelle Erregung lässt die Milch fließen. Peinlichkeit oder Ekel sind völlig unangebracht, denn Muttermilch ist die Ur-Nahrung der Menschheit und das Symbol der Mütterlichkeit schlechthin.
Der Wochenfluss kann zu Verunsicherung führen. Lange wurde Männern und Frauen geraten, in dieser Zeit Enthaltsamkeit zu üben. Besteht Lust auf Sex, ist jede Sorge unbegründet, sprich die Gefahr von Infektionen auszuschließen. Wöchnerinnen haben im Intimbereich ebenso viele Keime wie jede andere Frau.
Ein fachgerecht versorgter Dammschnitt oder –riss verursacht nur wenige Tage Schmerzen, da das Gewebe rasch heilt. Bereitet die Narbe noch nach Wochen beim Sex Beschwerden, ist ein Besuch beim Frauenarzt anzuraten.

Verhütung in der Stillzeit
Dass Stillen den Eisprung generell verhindert und sich deshalb die Verhütung erübrigt, ist irrig. Zwar sorgt das Hormon Prolaktin dafür, dass die Reifung der Eizelle unterbleibt, aber es lässt sich nicht exakt berechnen, wann ein Eisprung erfolgt, der die Empfängnis ermöglicht. Stillende haben erst wieder vier bis acht Monate nach der Entbindung eine Monatsblutung. Damit durch das Stillen der Eisprung verlässlich unterdrückt wird, sollte das Kind regelmäßig alle vier Stunden - auch nachts - angelegt werden. Bereits eine kleine Verzögerung im Stillrhythmus senkt den Prolaktin-Spiegel und sendet das Signal an die Eierstöcke: Aufwachen!
In der gynäkologischen Praxis wird jede Frau über die individuell geeignete Verhütungsmaßnahme kompetent beraten (z.B. Kondome, Minipille, Diaphragma, Spirale usw.).

Der Berufsverband der Frauenärzte rät: Fragen rund um die Sexualität vor oder nach der Geburt des Kindes dürfen nicht tabuisiert, sondern freimütig und beherzt gestellt werden. Denn die dümmsten Fragen sind solche, die man nicht stellt.

Maria-E. Lange-Ernst