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18.10.2005 - L-Carnitin in der Schwangerschaft und Stillzeit

 

L-Carnitin wurde 1905 als ein wichtiger Bestandteil der Muskulatur entdeckt und erhielt die Bezeichnung ”Carnitin”, lateinisch ”carnis” = Fleisch. Das Vitaminoid spielt eine tragende Rolle bei der Bereitstellung von Energie und Leistungsfähigkeit. Der Mikronährstoff dient dem Bio-Unternehmen Stoffwechsel hauptsächlich als Carrier = Transporteur von langkettigen Fettsäuren in ungezählte Mitochondrien, die ”Kraftwerke” von Billionen Zellen. Eine Unterversorgung führt zu rascher Ermüdung, Erschöpfung und Einschränkungen der Gesundheit. Darum benötigen gerade Schwangere und stillende Mütter eine optimale Versorgung mit L-Carnitin.

 

Physiologische und biochemische Bedeutung
L-Carnitin ist eine körpereigene Ammoniumverbindung, die in der Leber und den Nieren aus den essentiellen Aminosäuren Lysin und Methionin hergestellt wird. Für die körpereigene Synthese sind die Vitamine C, B3, B6 und B12 sowie Folsäure und der Mineralstoff Eisen in ausreichender Menge erforderlich. Aufgrund seiner Schlüsselposition in der Fettverbrennung ist L-Carnitin für alle Prozesse von besonderer Bedeutung, bei denen die Energiegewinnung aus Fettsäuren eine Rolle spielt. Dies gilt auch für den Zucker- und Eiweißstoffwechsel. Man würde L-Carnitin nicht gerecht, beschränkt man seine Beteiligung an der körpereigenen Energiegewinnung auf den Transport langkettiger Fettsäuren in die Kraftwerke der Zellen. Ein Erwachsener von 70 Kilogramm Körpergewicht verfügt über einen Gesamt-Carnitinpool von 15-20 Gramm. Davon sind 98% in der Skelettmuskulatur gebunden. Auch Herz und Leber, Immunzellen und rote Blutkörperchen, aber auch Nebenhoden und Spermien sollten reichlich L-Carnitin enthalten. Diese Erkenntnis ist für Paare mit Kinderwunsch bedeutsam.

 

Der L-Carnitin-Bedarf
Pro Tag werden rund 100 – 300 Milligramm L-Carnitin benötigt, um den Energiestoffwechsel in Schwung zu halten. Davon können nur 10-25% über die Eigensynthese gedeckt werden. Der größere Anteil erfolgt über die Versorgung mit der Nahrung. Reich an L-Carnitin sind Schaf-, Rind-, Lamm- und Ziegenfleisch. Pflanzliche Nahrungsmittel enthalten dagegen nur sehr geringe Mengen des Vitaminoids. Milchprodukte sind ebenso L-Carnitinlieferanten wie das Fleisch von Hirsch, Reh, Wildschwein und Hase. Die Wildarten benötigen für ihre Aktivitäten mehr L-Carnitin als ihre relativ faulen Haustier-Verwandten. Ein Rindersteak von 200-250 Gramm enthält 350-400 Milligramm L-Carnitin. Ein T-Bone-Steak sogar 500-600 Milligramm. Generell verzehren Frauen weniger Fleisch als Männer. Infolgedessen erhalten Frauen weniger L-Carnitin mit der täglichen Nahrung.. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine vegetarische Ernährung bevorzugt wird oder bestimmte Diäten zur Gewichtskontrolle längerfristig den Speiseplan einschränken. Frauen leiden häufig unter Eisenmangel. Eine latente Unterversorgung gilt als Ursache dafür, dass Frauen weniger L-Carnitin produzieren können als Männer. Da sie über geringere Muskelmasse verfügen, dafür aber mehr Fett in ihren Depots speichern, fällt es Frauen schwerer, Übergewicht abzubauen.

 

L-Carnitin in der Schwangerschaft
Durch den Energiebedarf und das Wachstum des Ungeborenen sind die Plasma-Lipidspiegel durchschnittlich um bis zu 50% erhöht. Die Plazenta und der Fetus benötigen Fettsäuren für die Bildung von Zellmembranen, Organellen, Lipoproteinen und Surfactant (Substanz für die Lungenreifung). Der gesteigerte Fettsäurestoffwechsel ist mit einem erhöhten L-Carnitin-Bedarf der Schwangeren sowie einer deutlichen Verringerung des freien Carnitins im mütterlichen Serum verbunden. Die L-Carnitin-Konzentration im fetalen Blut und im Blut der Nabelschnur sind dabei wesentlich höher als im Blut der Schwangeren. Das heißt, die Carnitinspeicher der werdenden Mutter werden buchstäblich geplündert. Im Verlauf der Schwangerschaft steigt der Carnitin-Anteil in der Muskulatur des Ungeborenen stetig und daher ist der mütterlicher Carnitin-Status für die Entwicklung von Herz- und Lungenfunktion des Kindes besonders wichtig. Bereits in der 12. Schwangerschaftswoche (SSW) ist das freie L-Carnitin im Serum der werdenden Mutter deutlich verringert. Im weiteren Schwangerschaftsverlauf können die Carnitin-Spiegel auf einen Wert abfallen, der einem systemischen L-Carnitinmangel (< 10 ± 5,1 mmol/l) entspricht.

 

Hinweis: Wenn sich eine Schwangere vegetarisch ernähren möchte und mit einer Mehrlingsgeburt gerechnet wird, sollte eine Nahrungsergänzung mit L-Carnitin unbedingt in Betracht gezogen werden. L-Carnitin wird heute technisch hergestellt, da die Gewinnung aus Fleisch unbezahlbar ist und ökologisch nicht sinnvoll wäre. Gerade deswegen können Vegetarier ohne Bedenken auf Nahrungsergänzungen mit L-Carnitin zurückgreifen.

 

L-Carnitin in der Stillzeit
Für eine normale Entwicklung des Neugeborenen ist die Energiegewinnung aus der Einschleusung langkettiger Fettsäuren in die Kraftwerke der Zellen essentiell. Seine Fähigkeiten zur eigenen Carnitin-Biosynthese sind noch nicht entwickelt. Erst im Alter von 15 Jahren ist diese Aktivität ausgebildet. Säuglinge sind daher auf die Zufuhr von L-Carnitin durch die Ernährung angewiesen. Dies veranlasste Wissenschaftler dazu, L-Carnitin als Vitamin BB (B=Baby) zu bezeichnen. Muttermilch erweist sich als wichtigste Carnitin-Quelle für Säuglinge. Im Vergleich zu Flaschennahrung ist die Bioverfügbarkeit aus Frauenmilch optimaler. Das heißt: Die Carnitinversorgung des Kindes hängt vom Carnitin-Status der Mutter ab. Bemerkenswert ist, dass mit zunehmender Zeit des Stillens die Konzentration des Carnitins in der Muttermilch abfällt. In diesem Fall sollte eine L-Carnitin-Substitution erwogen werden. Übrigens: Milchfreie Säuglingsnahrung auf Sojabasis enthält kein L-Carnitin. Ein entsprechender Zusatz ist daher gesetzlich vorgeschrieben.

 

L-Carnitin – wichtig für Frühchen
Da ein klarer Zusammenhang zwischen L-Carnitin-Versogung und Lungenreifung besteht, verbessern sich die Voraussetzungen für ein Frühchen ganz entscheidend, wenn die L-Carnitin-Versorgung gewährleistet ist. Die gezielte Nahrungsergänzung mit L-Carnitin ist bei Mehrlingsschwangerschaften und drohender Frühgeburt besonders wichtig. Prof. Dr. H. Böhles, Direktor des Zentrums für Kinderheilkunde an der Johann-Wolfang-von-Goethe-Universität/Frankfurt weist darauf hin,. Dass bereits im Rahmen der Schwangerschaft die Anlagen für spätere Defizite erfolgen. Er betont, dass auf eine optimale L-Carnitin-Versorgung größter Wert zu legen sei.

 

Gestationsdiabetes
Eine weltweit zunehmende Erkrankung und Schwangerschatskomplikation ist der Gestationsdiabetes (GDM). Schwangere mit GDM haben im Vergleich zu Schwangeren mit normaler Glukosetoleranz ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte, schwangerschaftsinduzierten Bluthochdruck und (Prä-) Eklampsie. Schwangerschaftsdiabetes erhöht das Risiko, ein zu großes Kind zur Welt zu bringen und damit die Entbindungen durch Kaiserschnitt. Das erhöhte Glukoseangebot der Mutter steigert auch die Insulinproduktion des Ungeborenen. Bei unbehandeltem GDM kommt es in bis zu 28% zu pränatalen Todesfällen. Kinder von Müttern mit unzureichend behandeltem GDM kommen mit einem erhöhten Risiko zur Welt, frühzeitig Übergewicht und einen Diabetes II zu entwickeln. Neben dem Fettstoffwechsel übernimmt L-Carnitin auch eine steuernde Funktion im Kohlenhydratstoffwechsel. In Untersuchungen konnte durch die vorsorgende Gabe von L-Carnitin eine deutliche Verbesserung der Insulinresistenz und –sensitivität bei Schwangeren beobachtet werden.

 

Der Berufsverband der Frauenärzte möchte mit diesen Erläuterungen auf die Bedeutung von L-Carnitin in Schwangerschaft und Stillzeit aufmerksam machen.

 

 

Maria-E. Lange-Ernst