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Haftpflichtproblematik bedroht die gesamte Geburtshilfe

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. vom 14.10.2014

In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass das Bundesgesundheitsministerium plant, die Haftpflichtbelastung für freiberufliche Hebammen dauerhaft zu begrenzen. Krankenkassen und andere Sozialversicherungsträger sollen im Schadensfall auf Regressansprüche verzichten. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Karl Lauterbach, erklärte am 11.10.2014 gegenüber der Tageszeitung DER TAGESSPIEGEL, es gäbe eine Zusage der SPD gegenüber den Krankenkassen, dass die Neuregelung ausschließlich für freiberufliche Hebammen gelten soll, und dass es keine politische Unterstützung für geburtshilflich arbeitende Belegärztinnen und –ärzte und für Kliniken mit geburtshilflichen Abteilungen geben wird.

Der Berufsverband hat sich deshalb heute in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Gröhe gewandt und dargelegt, dass nicht nur für die freiberuflichen Hebammen, sondern ebenso für belegärztlich tätige Frauenärztinnen und –ärzte die Situation desolat ist.

Wenn die klinische Geburtshilfe auf dem Land nicht sterben soll, muss die Politik dringend handeln. Haftpflichtversicherungsprämien für belegärztliche Geburtshelfer liegen bei neuen Vertragsabschlüssen heute zwischen 50.000 -75.000 Euro pro Jahr; selbst FrauenärztInnen mit älteren Verträgen müssen häufig 40.000 Euro und mehr bezahlen. Solche Beträge können jedoch nicht annähernd mit der Honorierung von maximal 250 Euro für die belegärztliche Betreuung einer Geburt finanziert werden. Es müssten 200 und mehr Geburten erbracht werden, allein um die Prämie zu finanzieren - Zahlen, die die meisten Frauenärztinnen und –ärzte mit belegärztlicher Geburtshilfe nicht annähernd erreichen.

Angesichts dieses schlimmen Zustandes ist leicht nachvollziehbar, dass innerhalb der vergangenen zehn Jahre von den ursprünglich über 1000 belegärztlich-geburtshilflich tätigen FrauenärztInnen in Deutschland in den letzten Jahren mehr als 70% das Handtuch geworfen haben, und es für junge FrauenärztInnen unmöglich geworden ist, geburtshilflich tätig zu sein.

„Herr Lauterbach muss lernen, dass die Geburtshilfe insgesamt in Deutschland existenziell bedroht ist“, so Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. In vielen ländlichen Regionen Deutschlands mit geringer Bevölkerungsdichte ist eine wohnortnahe geburtsmedizinische Versorgung nur durch belegärztlich geführte Klinik-Abteilungen möglich. Ziehen sich die BelegärztInnen zurück, müssen auch die Stationen für Geburtsmedizin geschlossen werden.

Hebammen können und wollen ohne geburtsmedizinisch qualifizierte FrauenärztInnen in schnell erreichbarer Bereitschaft, die bei unvorhergesehenen Komplikationen eine Geburt zügig per vaginal-operativer Geburtshilfe oder Kaiserschnitt beenden können, nicht arbeiten. Auch außerklinische Geburten sind ohne ein engmaschiges Netz an Krankenhäusern, die Notfalldienste vorhalten, nicht mehr möglich: Immerhin muss bei Erstgebärenden jede vierte Geburt trotz bester Vorbereitung und Motivation aller Beteiligten in der Klinik beendet werden. Die Morbidität und Mortalität rund um die Geburt würden in unverantwortbarer Weise steigen. Der hohe, durch Richt- und Leitlinien erreichte deutsche Standard und die weltweite Führungsrolle in der Schwangerenbetreuung und Geburtshilfe wären nicht mehr zu halten.

Lange Wege bis zur nächsten Geburtsklinik würden für viele Schwangere das Risiko für eine Geburt unterwegs ohne Betreuung durch Hebamme und ärztliche Geburtshelfer erhöhen und damit die Startchancen für die neugeborenen Kinder ganz erheblich verschlechtern.

Steigende Morbidität und Mortalität in der Geburtshilfe hätten zukünftig einen Namen: Karl Lauterbach.

Berufsverband der Frauenärzte (BVF) e.V.
Pressekontakt:
Dr. med. Susanna Kramarz
Oldenburgallee 60
D-14052 Berlin

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