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Kontrazeptionsberatung ist mehr als Produktauswahl: Der Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF) betont zum Weltverhütungstag 2025 die Bedeutung von individueller fachärztlicher Beratung beim Einsatz von (hormonellen) Verhütungsmitteln

Zum Weltverhütungstag am 26. September wirft der Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF) einen Blick auf Chancen, Herausforderungen und Verantwortung der Kontrazeptionsberatung. Die heutige Vielfalt an Verhütungsmitteln und der aktuelle Stand der Wissenschaft ermöglicht eine fundierte, personalisierte Beratung für die Wahl der passenden Verhütungsmethode und erweitert damit die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen. Der BVF warnt davor, hormonelle Verhütungsmittel pauschal zu verurteilen, was häufig auch auf Pauschalisierungen und Fehlinformationen in sozialen Medien zurückzuführen ist. In der gynäkologischen Praxis erfolgt eine individuelle Beratung der Mädchen und Frauen unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Gegebenheiten und der Lebenssituation. Die Auseinandersetzung mit geeigneter Verhütung besteht in einer sorgfältigen Abwägung von Nutzen und möglichen Nachteilen.

Verschiedene Verhuetungsmittel © iStock-1893231354-ai-modified

Von der Revolution zur individuellen Wahlfreiheit

Was 1960 mit der Zulassung „der Pille“ als medizinische Sensation begann, wurde schnell zu einem Symbol der Emanzipation. Millionen Frauen konnten ab sofort selbstbestimmt über Partnerschaft, Familiengründung und Beruf entscheiden – ein Fortschritt, der Geschichte geschrieben hat und bis heute nachwirkt. Doch 65 Jahre später ist der Diskurs über „die Pille“ teilweise differenzierter geworden: Neben pauschalisierender Beschreibung, hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung hormoneller Verhütungsmittel grundsätzlich verändert, das Informationsbedürfnis ist gewachsen, die Hormonskepsis ist größer geworden.

Dass sich Frauen heute intensiver mit Verhütung auseinandersetzen, ist ausdrücklich zu begrüßen. Es ist unsere frauenärztliche Aufgabe, dieses Interesse in gute, faktenbasierte Entscheidungen zu überführen – individuell, empathisch und verantwortungsvoll.

betont Dr. Cornelia Hösemann, niedergelassene Frauenärztin und Vorstandsmitglied des BVF.

Hormonelle Kontrazeption als Arzneimittel – Beratung bleibt essenziell

Hormonelle Verhütungsmittel sind heute deutlich besser untersucht als in den Anfangsjahren, und ihre Risiken sowie Nebenwirkungen können wesentlich differenzierter eingeschätzt werden. Die Transparenz hinsichtlich Nutzens und Risiken ist daher für Ärztinnen, Ärzte und Anwenderinnen deutlich gestiegen, sie erfüllen höchste Standards in Sicherheit, Zyklusstabilität und Anwendungsfreundlichkeit. Dennoch gilt: Hormonelle Verhütungsmittel sind Arzneimittel. Und wie jedes Medikament benötigen sie eine sorgfältige ärztliche Indikationsstellung, inklusive Anamnese, Aufklärung über Risiken – etwa dem Risiko für venöse Thrombosen – und regelmäßige Kontrolle. Gerade junge Frauen unter 30, Erstanwenderinnen oder Patientinnen mit bekannten Risikofaktoren müssen individuell beraten werden. Präparate mit geringstem Thromboserisiko sind hier Mittel der ersten Wahl. Werden diese nicht vertragen, kommen unter sorgfältiger fachärztlicher Abwägung andere Optionen in Betracht – auch nicht-hormonelle.

Ein klaffendes Defizit sehen wir trotz der Weiterentwicklung bei Verhütungsmitteln nach wie vor bei den geschlechtsspezifischen Verhütungsalternativen für Männer. Diese Thematik begegnet uns in der Verhütungsberatung zunehmend – gerade bei Paaren, die sich eine gleichberechtigte Verantwortung in der Empfängnisregelung ausdrücklich wünschen. Es braucht dringend mehr Forschung und ernsthafte Entwicklungsanstrengungen auf diesem Feld.

ergänzt Dr. Klaus Doubek, Präsident des BVF.

Kontrazeptionsberatung ist mehr als Produktauswahl

Laut aktueller Repräsentativbefragung des BIÖG (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, ehemals BZgA) wünschen sich 70 Prozent der sexuell aktiven Frauen eine sichere, gut verträgliche und alltagstaugliche Verhütung (1). Das Kondom ist heute das meistgenutzte Verhütungsmittel, gefolgt von hormoneller oraler Kontrazeption auf Platz zwei. Ihr Rückgang in der Anwendung, besonders bei Frauen unter 30, spiegelt den Wunsch nach Hormonfreiheit, aber auch Informationslücken oder Verunsicherung wider. Ein Rückgang der Anwendung von sicheren hormonellen Kontrazeptionsmethoden ist aus gynäkologischer Sicht auch kritisch zu sehen, da es sich um eine zuverlässige und praktikable Methode zur Vermeidung von ungeplanten und ungewollten Schwangerschaften handelt. Während die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen unter 30 Jahren in den letzten zwei Jahrzehnten zurückgegangen ist, verzeichnet die Altersgruppe über 30 Jahre zuletzt einen leichten Anstieg. Das ist eine Entwicklung, die auf veränderte Lebensrealitäten, spätere Familienplanung und möglicherweise auch auf Unsicherheiten in der Verhütungsentscheidung hinweist (2). Verstärkt werden diese Entwicklungen durch einen bemerkenswerten Befund aus Großbritannien: Dort hat sich laut aktueller Analyse der Anteil von Schwangerschaftsabbrüchen nach Anwendung von Fruchtbarkeits-Apps (die teilweise zur Verhütung eingesetzt werden) signifikant erhöht – von 0,4 Prozent im Jahr 2018 auf 2,5 Prozent im Jahr 2023. Parallel sank der Anteil hormonell verhütender Frauen und der Anteil an Frauen, die ungewollt schwanger wurden und nicht verhüteten, stieg von 56 Prozent auf 70 Prozent (2). Diese Entwicklung zeigt: Digitale Selbstvermessung ersetzt keine fachärztliche Expertise.

Verhütungsberatung ist weit mehr als die Weitergabe von Produktinformationen – sie ist ein individueller, medizinischer Prozess, der einfühlsame Begleitung und fachliche Kompetenz erfordert. Sie gehört in die Hände von Frauenärztinnen und Frauenärzten und nicht in Apps, Algorithmen oder Apothekenregale. In der gynäkologischen Praxis informieren wir unsere Patientinnen über den Einsatz von Zyklusapps zur Verhütung oder NFP (Natürliche Familienplanung). Deren Anwendung kann beispielsweise bei unregelmäßigen Zyklen oder Zwischenblutungen herausfordernd sein und sollte daher fachärztlich begleitet werden.

so Dr. Hösemann

Differenzieren statt polarisieren: Hormonelle Verhütung erfordert einen verantwortungsvollen Umgang

Zum Weltverhütungstag ruft der Berufsverband der Frauenärzte e.V. dazu auf, hormonelle Verhütung nicht zu verklären, aber auch nicht zu verdammen. Sie ist ein bedeutender Bestandteil individueller Lebensplanung und reproduktiver Gesundheit. Und sie ist ein Beispiel dafür, wie medizinischer Fortschritt Freiheit schenken kann, wenn er mit Verantwortung und Vertrauen verbunden ist.

Quellen und weitere Informationen:
(1) https://infodienst.bioeg.de/gesundheitsfoerderung/fachinformationen/verhuetungsverhalten/
(2) https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/_inhalt.html

(3) https://www.theguardian.com/society/2025/jan/13/reliance-on-fertility-apps-on-rise-in-england-and-wales-study-shows
(4) https://www.bvf.de/aktuelles-presse/pressemitteilungen/meldung/patientensicherheit-beibehaltung-der-verschreibungspflicht-fuer-desogestrel-haltige-verhuetungspille-ist-richtige-empfehlung/
(5) https://link.springer.com/article/10.1007/s00129-023-05130-9
(6) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6195429/
(7) https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/314141/60-jahre-pille/ 

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