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BIÖG-Sonderauswertung: Sexualisierte Gewalt unter jungen Menschen weit verbreitet

Sexualisierte Gewalt ist für viele Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland Teil ihrer Lebensrealität. Das zeigt eine aktuelle Sonderauswertung der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Demnach haben 64 Prozent der 5.855 befragten jungen Menschen mindestens eine Form sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt erlebt, knapp ein Drittel (29 Prozent) berichtet zudem von sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt. Mädchen und junge Frauen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Jungen und junge Männer.

Zu den Formen sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt zählen unter anderem sexualisierte Beleidigungen, Cybergrooming oder das ungewollte Zusenden sexueller Bilder und Videos. Fast jede vierte befragte Person (24 Prozent) hat entsprechende Übergriffe im Zusammenhang mit intimem Bild- und Videomaterial erlebt. Auch hier zeigt sich eine stärkere Betroffenheit von Mädchen und jungen Frauen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sexualisierte Gewalt im Jugendalter sowohl im digitalen als auch im direkten sozialen Umfeld stattfindet.

Auffällig ist zudem, dass viele Übergriffe im Kontext Gleichaltriger geschehen. Bei Formen sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt handelt es sich bei den gewaltausübenden Personen häufiger um Jugendliche als um Erwachsene. 71 Prozent der übergriffigen Personen sind männlich. Darüber hinaus waren bei etwa einem Drittel der ersten Gewalterfahrungen mit Körperkontakt andere Personen anwesend oder hatten Kenntnis davon. Die Studie lenkt damit auch den Blick auf die Rolle von Gleichaltrigen als Mitwissende, Beobachtende oder Vertrauenspersonen.

Zugleich zeigen die Daten, dass viele Betroffene nach einer ersten körperlichen Gewalterfahrung das Gespräch mit anderen suchen. 69 Prozent vertrauen sich mindestens einer Person an, am häufigsten Freundinnen und Freunden, aber auch Eltern. Dies unterstreicht die Bedeutung eines unterstützenden sozialen Umfelds sowie frühzeitiger, niedrigschwelliger Hilfsangebote. 

Die Autorinnen und Autoren der Auswertung betonen, dass Präventionsstrategien die Perspektive von Betroffenen, übergriffigen Jugendlichen und sogenannten Bystandern gleichermaßen einbeziehen sollten. Die Ergebnisse machen erneut deutlich, dass das Jugendalter eine besonders sensible Phase ist, in der Schutz, Aufklärung und Orientierung von zentraler Bedeutung sind. Für die Versorgung und Beratung junger Menschen bleibt es daher wichtig, Anzeichen sexualisierter Gewalt sensibel wahrzunehmen und geeignete Unterstützungsangebote bekannt zu machen.

Mit Blick auf Mädchen und junge Frauen unterstreichen die Daten zudem die Relevanz sexualmedizinischer, psychosozialer und präventiver Aufklärung in einem geschützten medizinischen Rahmen.

Quellen und weitere Informationen:

Dinger, L., Schäfer-Pels, A., Scharmanski, S. Sexualisierte Gewalterfahrungen, Bystander­-Perspektiven und Disclosure junger Menschen – Ergebnisse aus der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie. Bundesgesundheitsblatt (2026). doi.org/10.1007/s00103-026-04212-y

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