Wir reden seit Jahren über HPV. Aufklärung ist wichtig, aber ohne belastbare Strukturen erreicht sie zu wenige Menschen und insbesondere Familien. Es benötigt konkrete Maßnahmen, um Mädchen und Jungen etwa bereits in der Schulaufklärung zu erreichen oder in der Regelversorgung verankerte Angebote, wie etwa die M1 Mädchensprechstunde. Es braucht klare Zuständigkeiten, messbare Ziele und eine Umsetzung, die im Alltag funktioniert,
sagt Dr. Cornelia Hösemann, 3. Vorsitzende des BVF.
Evidenz liegt vor, Umsetzungslücken bleiben
Die prophylaktische HPV-Impfung ist hochwirksam: Bei Personen mit intaktem Immunsystem, ohne vorherige HPV-Infektion, liegt die Schutzwirkung vor Infektionen mit den im Impfstoff enthaltenen HPV-Typen bei fast 100 Prozent. Zugleich bleibt die Teilnahme an der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung medizinisch relevant, weil nicht alle krebsauslösenden HPV-Typen durch Impfstoffe abgedeckt sind. (2)
Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für alle Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren und entsprechende Nachholimpfungen sind bis einschließlich 17 Jahre empfohlen. (5) Trotzdem bleibt die Inanspruchnahme unzureichend: Im Jahr 2024 lag die vollständige HPV-Impfserie bei 15-jährigen Mädchen bei 55 Prozent und bei Jungen bei 36 Prozent. (8)
International sind die Zielmarken klar: Die WHO benennt für 2030 deutliche Ziele, u. a. sollen 90 Prozent der Mädchen bis 15 vollständig geimpft sein. (3) Ebenso setzt die EU als Ziel bis 2030 eine 90-prozentige Abdeckung des HPV-Impfschutzes bei Mädchen sowie eine deutliche Steigerung bei Jungen. (4) Internationale Daten, etwa aus Australien (9), Dänemark (10), Schottland (11) und Schweden (12) – um nur einige der Länder mit konkreten Impfprogrammen zu HPV zu nennen – zeigen bereits, dass nahezu eine Herdenimmunität durch erfolgreiche Impfprogramme erzielt werden kann. Deutschland besitzt kein HPV-Impfprogramm und wird die Zielmarken so nicht erreichen.
BVF fordert eine nationale HPV-Strategie mit verbindlichen Instrumenten
Der BVF unterstützt die zentralen Empfehlungen aus dem NaLI-HPV-Impfkonzept 2025 und dem ZERVITA-Positionspapier 2025 und fordert eine zügige Planung der Umsetzung (1, 2):
- Strategische Steuerung und Monitoring: verbindliche Zielquoten und jährliche Berichterstattung; als Orientierungsgrößen werden im Positionspapier etwa 75 Prozent geschlechtsneutrale HPV-Impfrate und 80 Prozent Teilnahme am Gebärmutterhalskrebs-Screening genannt.
- Impfregister und Recall: Einführung eines Impfregisters sowie digitale Einladungs- und Erinnerungssysteme; Ausbau des elektronischen Impfausweises in der ePA mit automatisierten Erinnerungen.
- Niedrigschwellige Impfangebote: freiwillige Schulimpfprogramme und konsequente Nutzung von U10 und J1 als Anlässe für Beratung und Impfung. Idealerweise auch ein Einbringen des Selektivvertrags „M1 Mädchensprechstunde“ in die Regelversorgung.
Frauenärztliche Praxen sind bereit, Impfung, Beratung und Früherkennung flächendeckend zu tragen. Damit aus Aktionstagen gelebte Prävention wird, braucht es allerdings verbindliche, finanzierte Strukturen und eine messbare Umsetzung. Die sprechende Medizin, die beratende Impfmotivation der Frauenärztinnen und Frauenärzte muss dringend entsprechend entlohnt werden. Nur wenn ausreichend Zeit und Ressourcen für Aufklärung und Impfberatung vorhanden sind, können Impfquoten effektiv gesteigert und Patienten sowie Erziehungsberechtigte umfassend informiert werden.
Quellen und weiterführende Informationen:
(1) Nationale Lenkungsgruppe Impfen (NaLI) (HPV-Impfkonzept, 15.12.2025): „Nationales Konzept zur Förderung der Impfaufklärung und der HPV-Impfquoten“, https://www.nali-impfen.de/fileadmin/pdf/NaLI_HPV-Impfkonzept.pdf (aufgerufen am 27.02.2026)
(2) ZERVITA / ACCESS Consensus Group (Positionspapier, November 2025): „Weil wir es können! HPV-bedingte Krebsarten eliminieren – mit einer bundesweit koordinierten Strategie, die Impfung, Screening und Betroffenenperspektive vereint“, https://zervita.de/wp-content/uploads/2025/11/Zervita_ACCESS_Positionspapier_Eliminierung-HPVbedingte-Krebsarten.pdf (aufgerufen am 27.02.2026)
(3) WHO (Cervical Cancer Elimination Initiative, 90–70–90-Ziele): https://www.who.int/initiatives/cervical-cancer-elimination-initiative (aufgerufen am 27.02.2026)
(4) Europäische Kommission (Europe’s Beating Cancer Plan – Ziele für 2030, HPV-Impfung): https://commission.europa.eu/topics/public-health/european-health-union/cancer-plan-europe_en (aufgerufen am 27.02.2026)
(5) Robert Koch-Institut (RKI) / STIKO – FAQ zur HPV-Impfung: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/HPV/FAQ-Liste_HPV_Impfen.html (aufgerufen am 27.02.2026)
(6) BVF (26.01.2026): „Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte zieht Bilanz zum HPV-Awareness-Monat: Aufmerksamkeit ist ein erster Schritt – jetzt müssen Maßnahmen folgen“, https://www.bvf.de/aktuelles-presse/artikel/berufsverband-der-frauenaerztinnen-und-frauenaerzte-zieht-bilanz-zum-hpv-awareness-monat-aufmerksamkeit-ist-ein-erster-schritt-jetzt-muessen-massnahmen-folgen/ (aufgerufen am 27.02.2026)
(7) BVF (15.01.2026): „NaLI verabschiedet nationales HPV-Impfkonzept und kündigt ‚HPV-Impfjahr 2028‘ an“, https://www.bvf.de/aktuelles-presse/artikel/nali-nationales-impfkonzept/ (aufgerufen am 27.02.2026)
(8) NaLI (Pressemitteilung, 16.12.2025): „Veröffentlichung HPV-Impfkonzept / geplantes HPV-Impfjahr 2028“, https://www.nali-impfen.de/fileadmin/pdf/Aktuelles/NaLI-PM_Veroeffentlichung-HPV-Impfkonzept_2025-12-16.pdf (aufgerufen am 27.02.2026)
(9) Dorothy A. Machalek et al.: „Very Low Prevalence of Vaccine Human Papillomavirus Types Among 18- to 35-Year Old Australian Women 9 Years Following Implementation of Vaccination“, in The Journal of Infectious Diseases, Volume 217, Issue 10, 15 Mai 2018, Seiten 1590–1600, https://doi.org/10.1093/infdis/jiy075 (aufgerufen am 27.02.2026)
(10) Mette Hartmann Nonboe et al.: „Human papillomavirus prevalence in first, second and third cervical cell samples from women HPV-vaccinated as girls, Denmark, 2017 to 2024: data from the Trial23 cohort study“, in Eurosurveillance, Volume 20, Issue 27, 10. Juli 2025, https://www.eurosurveillance.org/content/10.2807/1560-7917.ES.2025.30.27.2400820 (aufgerufen am 27.02.2026)
(11) Tim J. Palmer et al.: „Invasive cervical cancer incidence following bivalent human papillomavirus vaccination: a population-based observational study of age at immunization, dose, and deprivation Free“ in JNCI: Journal of the National Cancer Institute, Volume 116, Issue 6, Juni 2024, Seiten 857–865, https://academic.oup.com/jnci/article/116/6/857/7577291 (aufgerufen am 27.02.2026)
(12) Jiayoa Lei et al.: „HPV Vaccination and the Risk of Invasive Cervical Cancer“ in New England Journal of Medicine 2020 Issue 383, Seiten 1340-1348, https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1917338 (aufgerufen am 27.02.2026)
